Alltag und Begegnungen

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Januar 2010. Ich bin jetzt über eine Woche hier und so etwas wie Alltag kehrt ein. Wenn ich morgens gegen sieben aufstehe, hat mir Charlotte, das Hausmädchen, schon einen 5-Liter-Kanister heißes Wasser hingestellt. Das Wasser hat sie auf dem Kohlenherd erhitzt – Leitungswasser gibt es selten, warmes Leitungswasser gar nicht. Im Badezimmer mische ich das heiße Wasser in einer Schüssel mit kaltem Wasser und bekomme so die ideale Duschtemperatur.

Es gibt keinen Spiegel im Haus, bei AVEGA auch nicht. Ich beginne zu vergessen wie ich aussehe und bin angenehm überrascht, wie braun ich geworden bin, wenn ich im DED-Gästehaus ins Badezimmer gehe.

Die Tage verbringe ich bei AVEGA und hospitiere bei Therapiesitzungen. Wenn ich Zeit habe, schreibe ich oder bin in der Stadt unterwegs. Inzwischen kann ich mich schon etwas in Kigali orientieren und kenne die Preise der Busse und Taxi Motos.

Heute Abend setzt sich im Bus ein schmaler, adrett gekleideter Jugendlicher neben mich und spricht mich an. Er wirkt fast noch kindlich, auch wenn er schon 19 ist, wie er später erzählt.

Er ist mit seiner Familie aus Uganda nach Ruanda gekommen, gleich nachdem der Einmarsch der RPF dem Genozid ein Ende gesetzt hat. Circa 750.000 Tutsi kehrten damals aus dem Exil zurück, fast so viele wie ermordet worden waren. Mit leuchtenden Augen erzählt dieser junge Mann, dass er mit Freunden eine Schülerorganisation gegründet hat, die sich für Kinder- und Menschenrechte einsetzt, für Versöhnung nach dem Genozid. Die Jugendlichen sind zwischen 13 und 20, sie legen ihr Taschengeld zusammen und kein Erwachsener sagt ihnen, was sie tun sollen. Sein Traum ist, dass Ruanda eines Tages nicht mehr assoziiert wird mit Gewalt und Mord, sondern mit Frieden.

Wir tauschen Telefonnummern aus, ich möchte ihn gerne weiter zu seiner selbstorganisierten Kinderrechtsbewegung interviewen. Ich bin immer wieder beeindruckt von diesen Begegnungen mit jungen Menschen, von ihrer Offenheit, ihren Idealen, dem Wunsch nach Frieden und Versöhnung, 16 Jahre nach dem Ende des Genozids.