Anderssein und Normalität

From Avega-Ruanda-Wiki
Jump to: navigation, search

Ich bin das erste Mal alleine unterwegs und das finde ich relativ anstrengend. Ich habe das dringende Bedürfnis nach sportlicher Betätigung und laufe zum Schwimmbad, ungefähr 20 Minuten zu Fuß. Der Stadtteil liegt steil an den Hügel gebaut, die Straßen sind aus roter Erde, viele Menschen sind unterwegs. Und fast alle starren mich an, als ich vorbeilaufe. So ähnlich geht es vielleicht meinen jungen Klienten im PSZ, wenn sie berichten, dass sie in ihrem Dorf im Westerwald angestarrt werden, als kämen sie vom Mars. Zurückstarren ist genauso unangenehm wie weggucken, irgendwann finde ich es am besten, offensiv zu grüßen („Waramutse“), dann freuen sich die Leute meist. Kinder haben Freude daran, mir „Muzungu“ (so heißen die Weißen) hinterher zu rufen, und freuen sich besonders, wenn ich ihnen antworte und sie ein wenig Englisch ausprobieren können.

Als ich vom Schwimmbad wieder nach hause komme, ist Besuch mit einem Kleinkind da, das mich lange Zeit mit offenem Mund anstarrt – zwischen Faszination und Entsetzen. Es ist jedenfalls eine interessante Erfahrung, so anders zu sein als alle um mich herum. Ich hab mich noch nie so unglaublich weiß gefühlt. Die Jungs aus meiner Gastfamilie meinen allerdings, dass ich nicht deutsch aussehe, sondern eher italienisch (ohne dass ich danach gefragt hätte!). Ich hätte nicht gedacht, dass „von außen“ Unterschiede zwischen verschiedenen Typen von Muzungus wahrnehmbar sind.

Mit den vier jungen Männern im Haus (die drei Söhne und der Bruder von Asterie) ist es sehr nett. Sie sind ungefähr in dem Alter wie die Jungs aus meiner PSZ-Jugendgruppe (16 – 23) und wir unterhalten uns viel. Nachmittags setze ich mich nach draußen in den Hof und wasche meine Wäsche. Und alle leisten mir Gesellschaft und waschen auch (ein paar Socken oder ein kleines Handtuch oder ein paar Turnschuhe).

Der Genozid ist immer wieder Thema. Sie zeigen mir das Fotoalbum mit den Bildern des Vaters und vielen anderen Verwandten, von denen die meisten ermordet wurden. Und trotz der stets präsenten Erinnerung an die Massaker gibt es so etwas wie "Normalität". Alle fragen mich, wie ich es in Ruanda finde, und lachen, wenn ich sage, dass ich vorher ein bisschen Angst hatte, weil ich so viel über den Genozid gelesen habe und mir nicht vorstellen konnte, wie das Leben im Land danach ist. „Es ist wichtig, sich zu erinnern, aber Ruanda ist mehr als der Genozid.“ ist der Tenor.

Es überrascht mich, in einem Land, in dem die Mehrheit der Bevölkerung es aktiv oder passiv unterstützt hat, den anderen Teil der Bevölkerung auszurotten, auf junge Menschen zu treffen - Überlebende, die nach dem Willen der Mörder auch tot sein sollten, die ihre Väter und Geschwister verloren haben - die betonen, wie gerne sie ihr Land mögen.

Tatsächlich, es ist genauso wie auf anderen Auslandsreisen, ich werde gefragt, wie es mir gefällt und was mir besonders gefällt, was mir besonders gut schmeckt etc. und mit großer Zufriedenheit werden alle meine positiven Äußerungen zur Kenntnis genommen. Alle betonen wie toll es in Ruanda ist - meist mit den gleichen Argumenten wie in den anderen Ländern, die ich bereist habe – die Schönheit der Natur, die freundlichen Menschen, das gute Essen… Ich bin fasziniert.