Besuch auf dem Land

From Avega-Ruanda-Wiki
Jump to: navigation, search

Ich begleite die Sozialarbeiterin Rose und die Krankenschwester Jeannette zu Hausbesuchen in Jali, einer ländlichen Gemeinde in der Nähe von Kigali. Rose und Jeannette arbeiten für das Care and Treatment Project für HIV-infizierte Witwen, finanziert vom britischen Department for International Development. Drei Sozialarbeiterinnen, drei Krankenschwestern, zwei Laborantinnen und ein Arzt sind zuständig für 634 Personen, darunter 36 Männer, die regelmäßig untersucht werden und Medikamente und Beratung erhalten. Wenn Projektteilnehmerinnen nicht zu den vereinbarten Terminen in der Beratungsstelle erscheinen oder wenn sie Finanzierungsanträge stellen, z.B. zur Reparatur ihrer Häuser, statten die Projektmitarbeiterinnen Hausbesuche ab.

Wir fahren hoch in die Berge, über steile Serpentinen. Auf den Höhen sind Eukalyptuswälder gepflanzt, es duftet frisch. Die breiten Fahrwege verengen sich mehr und sind am Ende nur noch schmale Pfade. Viele Menschen sind unterwegs mit Lasten auf dem Kopf, Körben, Kanistern, Zweigen. Frauen haben Babys umgebunden, einige halten sich schattenspendende Schirme über den Kopf. Die Landschaft ist wunderschön, alles wirkt friedlich. Wir fahren soweit der Jeep kommt, der Rest der Strecke wird über schmale Trampelpfade zu Fuß zurückgelegt.

Als erste besuchen wir Chlothilde. Sie wohnt in einem Lehmhaus, davor liegen Bohnen zum Trocken in der Sonne, fünf kleine Ziegen sind vor dem Haus angebunden und kauen an Bohnenstroh. Chlothilde ist schon alt, 11 ihrer 12 Kinder wurden beim Genozid ermordet, sie lebt heute zusammen mit der Jüngsten. Auch sie wurde durch eine Vergewaltigung mit HIV infiziert. Gesundheitlich geht es ihr nicht gut, sie war im Krankenhaus, deshalb konnte sie nicht zu ihrem Termin bei AVEGA kommen. Die Mitarbeiterinnen inspizieren Haus und Garten. Chlothilde hat Mittel beantragt, um ihre Lehmhaus zu reparieren, das auseinander bröckelt. „Wir können nicht alle Anträge bewilligen. Nur die vulnerabelsten Frauen erhalten Unterstützung,“ sagt Rose.

Chlothilde hat eine Kuh, die aus Deutschland gespendet wurde (vielleicht habt ihr schon von dem Kuhprojekt meiner Kollegin Esther gehört „Eine Kuh für jede Witwe“. Nähere Informationen und die Nummer des Spendenkontos finden sich auf der Internetseite www.psz-duesseldorf.de ). Chlothildes Kuh steht in einem kleinen Verschlag hinter dem Haus. „Die Kuh hilft Chlothilde sehr. Den Dung benutzt sie für ihre Felder.“ erzählt Rose, „Hast du gesehen, dass die Kuh trächtig ist? Das erste Kalb müssen die Frauen an eine andere Witwe weiter geben, das nächste dürfen sie behalten.“ Bei Chlothilde treffen wir auch Emerita. Sie engagiert sich als ehrenamtliche psychosoziale Betreuerin (animatrice psychosocial) bei AVEGA. Sie lächelt und wirkt voller Energie. Vielleicht wirkt sie weniger belastet als die anderen, weil sie zwar ihren Mann, nicht aber ihre Kinder verloren hat. Die sind heute erwachsen. Sie hat zwei HIV-infizierte Kinder einer anderen bei sich Witwe aufgenommen, nachdem diese an AIDS gestorben ist. Emerita selbst ist nicht HIV-infiziert. Sie begleitet uns zu den Häusern der anderen Witwen.

Als nächste wird Jacqueline besucht. Sie hat viele Krankheiten. Die Sozialarbeiterin vermutet, dass es an den hygienischen Zuständen in der dunklen Lehmhütte liegt. Bohnenstroh bedeckt den Boden, Ziegen und Kaninchen vegetieren in einem Raum. Zum ersten Mal sehe ich auch Hunde. Sie sind klein und freundlich. Die Krankenschwester weist Jacqueline an, das Moskitonetz zu benutzen, um sich vor Malaria zu schützen. Auch diese Hütte ist renovierungsbedürftig, wie fast alle weiteren, die wir besichtigen.

Mir fällt immer wieder der Gegensatz auf zwischen den wohlgenährten und -gekleideten AVEGA-Mitarbeiterinnen und den dünnen Witwen in ausgeblichenen, alten Kleidern. Die Krankenschwester Jeannette trägt ein elegantes graues Kostüm mit Handtasche und Stöckelschuhen. Sie könnte genauso gut auf dem Weg zum Empfang in einer Botschaft oder einem Ministerium sein. Ihr Outfit kommt mir nicht besonders zweckmäßig vor zum Besuch bei armen Leuten auf dem Land. Ich überlege, ob ihr Kleidungsstil Ausdruck mangelnder Feinfühligkeit im Umgang mit sozialer Ungleichheit ist oder ob er im hiesigen Kontext vielleicht sogar eher besondere Professionalität oder auch Wertschätzung der besuchten Klientinnen ausdrückt.

Auf der Rückfahrt frage ich Rose, ob die Mörder inzwischen aus den Gefängnisse wieder in die Nachbarschaft zurückgekehrt sind. „Genau darüber habe ich gerade mit Emerita gesprochen.“ sagt Rose: „Es gab ein Gesetz, dass Angeklagte ihre Beteiligung am Genozid gestehen und sich entschuldigen mussten, damit ihre Haftzeit verkürzt wird. Inzwischen sind die Nachbarn, die Emeritas Mann ermordet haben, wieder da. Mehr noch – sie haben Führungsrollen in der Gemeinde eingenommen. Bei der Verteilung von Hilfsgütern geht Emerita deswegen leer aus.“ „Hat Emerita Angst?“, frage ich. „Ja, aber sie kann nirgendwo anders hin,“ antwortet Rose, „hier ist ihr Land, von dem sie lebt.“