Die Diktatorenvilla

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Es ist Samstag, ich möchte einen Ausflug machen. Hier in Kigali gibt es nicht viele Sehenswürdigkeiten (das Genozid-Museum, das Hotel Mille Colines…). Was noch zu sehen bleibt, ist die Villa des ehemaligen Präsidenten Habyarimana.

Ich fahre mit dem Bus. Die Frau neben mir setzt mir eines ihrer beiden Kleinkinder auf den Schoß. Das Kind betastet fasziniert meine weiße Haut und jauchzt vor Vergnügen über die schönen Hopser in den Schlaglöchern. An der Endhaltestelle angekommen, fahre ich auf dem gepolsterten Gepäckträger eines Fahrradtaxis weiter bis zum Tor von Habyarimanas Anwesen. Der wachhabende Soldat schüttelt mir die Hand und begleitet mich zum Eingang des Hauses. Dort kassiert eine junge Frau 2.000 Francs (der Tarif für ausländische Studierende) und führt mich dann durch die Räume der 70er-Jahre-Villa, die weitgehend unverändert sind. Sogar ein Teil der Möbel steht noch.

Mein Mitbewohner Kalisa meint, es würde ihn überhaupt nicht reizen, Habyarimanas Haus zu besichtigen, aber ich finde es schon interessant zu sehen, welches Wohnumfeld sich Despoten so zulegen. Habyarimana jedenfalls war ein großer Fan von Badezimmern – zu jedem der drei Schlafzimmer gehörte eines. Außerdem gibt es große Wohnzimmer, Empfangsräume, Arbeits- und Besprechungszimmer. Hinter einer vertäfelten Wand ist eine Treppe ins Dachgeschoss versteckt. Oben finden sich noch ein Raum für okkulte Praktiken, eine Kapelle, ein Frisier-, ein Massage- und ein Studienzimmer. Es ist groß und wirkt europäisch „normal“. Das eindrucksvollste ist vielleicht der Tisch aus Elefantenfüßen - das erwartet man doch bei afrikanischen Diktatoren. Außerdem gibt es einen großen Park mit Schwimmbad, Tennisplatz, Terrarium etc. Die Wrackteile des abgeschossenen Flugzeugs liegen hinter der Mauer, die das Anwesen umgibt.

Noch einige Hintergrundinformationen zu Habyarimana: 1962 wurde Ruanda unabhängig und die Partei der Bewegung für die Emanzipation der Hutu kam an die Macht. Es kam immer wieder zu Massakern gegen die Bevölkerungsminderheit der Tutsi, die von den Kolonialherren als herrschende Klasse aufgebaut worden waren. Juvenal Habyarimana war Armeechef und übernahm nach einem Militärputsch 1973 die Regierung. Unter seiner Führung wurden die Pogrome gegen die Tutsi zunächst beendet. Zwischen 1975 und 1991 war nur noch Habyarimanas Einheitspartei Nationale Bewegung für Entwicklung zugelassen, Korruption und Vetternwirtschaft zeichneten seinen Regierungsstil aus.

Eine wichtige Rolle spielte Habyarimanas Ehefrau Agathe Kanziga als Mitglied des sogenannten „akazu-Netzwerks“. Darin schlossen sich hohe Funktionäre der Regierung und der Armee zusammen, das Netzwerk soll für die Planung und Durchführung des Genozids 1994 verantwortlich sein.

Ab 1990 griffen ruandische Flüchtlinge, die sich zur Ruandischen Patriotischen Front (FPR) zusammengeschlossen hatten, die Regierung von Uganda aus an. Die FPR kämpfte für Demokratisierung und die Aufhebung der diskriminierenden Ethnisierungen. Da sich die FPR vor allem aus Tutsi rekrutierte, wurde diese Bevölkerungsgruppe von der ruandischen Regierung pauschal als Komplizen der Rebellen bezeichnet, Hetzkampagnen wurden initiiert.

Vor allem die französische Regierung unterstützte die Regierung Habyarimanas. Mit Hilfe von deren Waffenlieferungen und Ausbildungsmaßnahmen konnte die Regierung ihr Truppenkontingent von 5.000 auf 30.000 Mann steigern.

Aufgrund von internationalem Druck musste Habyarimana sich auf Friedensverhandlungen mit der FPR einlassen. 1993 wurde ein Friedensabkommen geschlossen. Habyarimana geriet daraufhin intern als „Verräter“ unter Druck, distanzierte sich von dem Friedensabkommen und unterstützte die „Hutu-Power-Bewegung“ und die Bewaffnung der „zivilen Selbstverteidigung“. Sein Tod am 6. April 1994, welcher der FPR angelastet wurde, war der Startschuss für den vorbereiteten Völkermord. Vor wenigen Tagen wurde eine Untersuchung veröffentlicht, die besagt, dass der Flugzeugabschuss aus Kreisen der damaligen Regierung und Armee organisiert wurde.