Erste Eindrücke

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Bericht aus Ruanda 2 - 08.01.2010 - erste Eindrücke

Zweiter Tag. Vormittags war ich mit Kalisa, dem 23jährigen Sohn meiner Gastgeberin, unterwegs auf der Suche nach der Deutschen Botschaft. Kalisa ist ein ernster junger Mann, ruhig und freundlich. Wir sind eine ganze Weile durch das Botschaftsviertel von Kigali gelaufen, um die neue Adresse zu finden. Die Innenstadt ist ruhig und grün, relativ wenig Verkehr und extrem sauber. Zahlreiche Gärtnerinnen und Gärtner in grünen Kitteln pflegen die öffentlichen Grünflächen. Es wirkt alles sehr ordentlich und organisiert, Plastiktüten sind beispielsweise verboten und tatsächlich ist kein Plastikmüll auf den Straßen zu sehen. Alle Einwohner sind verpflichtet, an einem Samstag im Monat sind an öffentlichen Arbeiten mitzuwirken, dann werden z.B. Schulen gebaut oder eben Straßen gefegt.

Um sich fortzubewegen stehen Mofa-Taxis zur Verfügung oder Kleinbusse, die auch sehr ordentlich sind, also im Gegensatz zu den Bussen in Lateinamerika weder bunt bemalt noch überfüllt noch mit lauter Musik beschallt. Die Busse sind leiser als ich sie von anderen Aufenthalten im Süden kenne und stoßen keine dicken schwarzen Dieselwolken aus. Es scheint auch einen ruandischen TÜV zu geben.

Als wir am Gefängnis vorbeifahren, sagt Kalisa, dass hier die Gènocidaires, die Völkermörder, inhaftiert seien. Früher habe er sich nicht vorstellen können, dass er verzeihen könne, aber inzwischen würde er sogar an Gottesdiensten im Gefängnis mitwirken. Kalisa erzählt mir, dass er als Achtjähriger den Genozid überlebt habe, bei dem auch sein Vater ermordet wurde. Kalisa wurde „krank“, er grübelte ständig über den Völkermord nach und war voller Wut. Als Jugendlicher nahm er Psychopharmaka und trank Alkohol um sich zu beruhigen. Um sich zu verteidigen und vielleicht auch rächen zu können, lernte er Kampfsport. Es ging ihm nicht gut. Als er eines nachts betrunken nach hause ins Internat kam, hatte er eine „spirituelle Eingebung“ und ihm wurde klar, dass er so nicht weiter machen, sondern Gott suchen wolle. Er suchte sich eine Kirchengemeinde, die ihm gefiel und begann, regelmäßig mit dem Pastor zu sprechen, Gottesdienste zu besuchen, zu beten und in der Bibel zu lesen. Und es ging ihm immer besser, die Symptome psychischer Belastung verschwanden. Auch seine Brüder folgten seinem Beispiel und wurden religiös.

Kalisa, seine beiden Brüder und seine Mutter überlebten „durch ein Wunder Gottes“, wie er sagt. Sein Vater und seine Schwester wurden bereits am ersten Tag des Genozids 1994 ermordet. Er berichtet, eine Militärpatrouille sei vorbei gekommen, deren Chef seinen Vater von früher gekannt habe. Als dieser die Leiche gesehen habe, sei er sehr wütend geworden und habe die überlebenden Familienmitglieder bei sich zu hause versteckt.

Abends sitze ich mit der Familie im Wohnzimmer, der Fernseher läuft, draußen gewittert es und ich genieße das Gefühl, einfach Zeit zu haben. Vielleicht ist es immer noch die Müdigkeit, vielleicht die Atmosphäre, jedenfalls bin ich sehr entspannt. Es gibt ja auch keinen Druck, irgendetwas zu erledigen.