Gacaca II

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Astérie hat einen Termin als Zeugin beim Gacaca-Gericht. Ich möchte mir die Verhandlung ansehen. Bosco begleitet mich, um mir zu übersetzen.

Ich habe gelesen, dass „Gacaca“ wörtlich übersetzt die Wiese zwischen den Häusern einer Gemeinde bedeutet, auf der sich die Bewohner versammeln und ihre Angelegenheiten diskutieren. Also hatte ich mir vorgestellt, dass die Gacaca-Verhandlungen tatsächlich auf einer Wiese im Stadtteil stattfinden. So ist es aber nicht. Stattdessen fahren wir zu einer Art Verwaltungszentrum von Kanombe, dem Stadtteil, wo wir wohnen.

Vor dem Gebäude stehen und sitzen einige Leute und warten. Drei junge Soldaten mit Gewehren lehnen lässig an der Wand und plaudern. An der Seite steht ein Herr mittleren Alters in frisch gestärkter rosa Häftlingskleidung. Er wirkt äußerst wohlgenährt und hat die Ausstrahlung als wäre er es gewohnt, Macht auszuüben. Ich wäre keine gute Richterin, der Angeklagte ist mir sofort so unsympathisch, dass ich ihn gleich für schuldig halte. Ein Anwalt in schwarzer Robe begrüßt ihn mit einer Umarmung. Es macht jedenfalls nicht den Anschein, als wäre der Angeklagte im Gefängnis sonderlich schlecht behandelt worden.

Während wir auf den Prozessbeginn warten, kommen wir mit einem jungen Mann, John, ins Gespräch. Er spricht Englisch und kennt sich gut aus mit den Abläufen des Gacaca. Als Soldat in zivil nimmt er an den Prozessen teil, um sie zu beobachten und falls notwendig, Verstärkung herbeizutelefonieren. Zum Beispiel, falls es zu Übergriffen seitens des oder gegen den Angeklagten kommen sollte. „Es ist nicht so günstig, wenn bewaffnete Kollegen im Verhandlungsraum sitzen.“, meint er.

Ich sage: „Ich stelle es mir schwer vor für die Zeugen, den Mördern ihrer Angehörigen entgegen zu treten und ganz ruhig zu bleiben. Kommt es öfter zu Gefühlsausbrüchen?“ „Nein,“ meint John: „Das passiert nicht. Das ist auch verboten.“ „Wie ist es denn für dich, dir immer wieder die Berichte über die Geschehnisse des Genozids anzuhören? Ist das nicht schwer?“, frage ich. „Ich kenne die Geschichte ja,“ sagt John. „Ich bin 1994 mit der FPR nach Ruanda gekommen, um den Genozid zu beenden. Ich habe das alles gesehen.“ „Oh,“ sage ich, „da musst du doch noch sehr jung gewesen sein. Wie alt warst du denn da?“ „Da war ich zwölf.“, antwortet John. „Deshalb bin ich nie zur Schule gegangen.“

John freut sich, als ich ihm zum gestrigen Tag des Helden gratuliere und ihm erzähle, dass ich in Deutschland mit ehemaligen Kindersoldaten arbeite. Er erzählt bereitwillig über mehr sich: „Wegen der Übergriffe gegen die Tutsi sind viele als Flüchtlinge nach Uganda gegangen, auch eine Tante von mir. Meine Eltern haben mich zu der Tante geschickt.“ Ich frage ihn, wie es kam, dass er sich so jung dazu entschieden hat, bei der FPR mitzukämpfen. „Als ich in Uganda war, habe ich gehört, dass es Übergriffe gegen Tutsi gab – und man hat mir gesagt: ‚deine Eltern sind auch Tutsi.’ Wir hatten Kühe, und eines Tages haben Hutu den Stall meiner Eltern angezündet. Das hat den Ausschlag gegeben. Als die FPR sich organisiert hat, habe ich mich angeschlossen. Ich war schon mit der FPR in Ruanda, als ich erfahren habe, dass meine Eltern auch getötet worden sind. Der schlimmste Moment war, als ich nach hause gekommen bin und keiner mehr da war. Wir waren neun Kinder, und meine Eltern, also elf Menschen, und ich habe keinen mehr gefunden. Ich habe gesucht, ich habe die Nachbarn gefragt, keiner wollte mir etwas sagen…“

Ich habe Sorge, dass der sich eben noch so hart gebende Soldat gleich in Tränen ausbricht, als Bosco uns unterbricht: „Es geht los, wir können rein gehen.“ Wir tauschen Telefonnummern aus, ich würde John gerne weiter über seine Erlebnisse befragen.

Die Verhandlung findet in einem offenen, hellen Raum statt. Mehrere Reihen Holzbänke sind aufgestellt worden, auf denen der Angeklagte, die Zeugen und Zuschauer sitzen, ungefähr 30 Leute. Erhöht, auf einem Podium, steht ein Tisch um den sechs ältere Männer und eine Frau sitzen. Sie tragen Schärpen in den Farben der ruandischen Flagge, ebenso ist der Wandbehang hinter ihnen gestaltet.

Zunächst belehrt der Mann in der Mitte, der Vorsitzende nehme ich an, die Anwesenden, dass sie weder Fotos machen noch mitschreiben dürfen. Der Mann im rosa Anzug wird beschuldigt, im Zuge des Genozids ein Fahrzeug entwendet zu haben. Es ist bereits die Folgeverhandlung. Eine Zeuge kommt zu Wort, der Angeklagte, wieder der Zeuge. Um die Umsitzenden nicht zu stören, will Bosco mir erst am Ende übersetzen. Nach einer Weile beschließe ich, dass ich in diesem Fall genügend Eindruck bekommen habe, wir gehen.

Astérie bleibt bis zum Ende, an diesem Tag werden noch zwei weitere Verhandlungen geführt. Abends berichtet sie mir, dass eine Entscheidung noch nicht getroffen wurde, sie wurde vertagt.