Genocide Memorial

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Kalisa und Maurice begleiten mich zum Genocide Memorial. Am Eingang des Geländes stehen bewaffnete Wächter, die unsere Taschen durchsuchen und uns mit einem Metalldetektor abscannen. „Das ist zur Sicherheit nötig, weil es Granatenangriffe radikaler Hutu auf die Gedenkstätte gab,“ sagt Kalisa. „Sie wissen, dass sie hier viele Überlebende treffen und sie wollen die Erinnerung stören.“ Ein freundlicher junger Mann am Einlass klärt mich darüber auf, dass das Genocide Memorial drei Zwecken dient: Es ist Grabstätte für über 258.000 Menschen, hier werden Zeugenaussagen gesammelt und es ist eine Bildungsstätte.

Die Gedenkstätte ist sehr gut aufgebaut, eingängig und übersichtlich - ein rundes Gebäude, in dem auf modernen Installationen und Schautafeln der Vorlauf und die Durchführung des Genozids dargestellt werden. Die Fotos, die Kolonialärzte darstellen, die Köpfe von Hutus und Tutsi vermessen, erinnern an Bilder aus dem Dritten Reich. Es sind Videos zu sehen, in denen Zeugen vom Genozid berichten. Ich bin ja in Begleitung von zwei Überlebenden hier, und Kalisa berichtet, wie er den Tod seines Vaters erlebt hat, das bewegt mich viel mehr als die Schautafeln und Videos.

In einem Raum hängen Fotos von Ermordeten an Drahtschnüren – über 1000 ganz normale Fotos von ganz normalen Leuten. „Hängen hier auch Bilder von eurem Vater und eurer Schwester?“ frage ich. „Nein, unsere Mutter wollte nicht, dass sie hier öffentlich ausgestellt werden.“ In einem Raum mit dem Titel „verschwendete Zukunft“ hängen große Kinderbilder. Darunter sind Steckbriefe der ermordeten Kinder, was sie besonders gerne getan oder gegessen haben, das ist sehr traurig.

Ich frage Kalisa, wie es für ihn ist, sich die Gedenkstätte anzusehen und über alles sprechen. „Es ist in Ordnung, ich bin wieder gesund und ich habe verziehen. Man kann nur wirklich gesund werden, wenn man auch verziehen hat.“ Verzeihen stelle ich mir schwer vor und finde, das kann man nicht von allen erwarten.

Im Obergeschoss ist eine Ausstellung über weitere Genozide oder Massenmorde: der Holocaust, Armenien, Jugoslawien, Kambodia. Ich finde es nicht vorstellbar, den Nazis zu verzeihen. Andererseits denke ich, dass es mir auch nicht zusteht, von verzeihen zu sprechen. Verzeihen können nur die Opfer, als Mitglied der Mehrheitsgesellschaft ist meine Rolle vielleicht weiterhin, rassistische Ideologien zu bekämpfen. Kalisa und Maurice stimmen mir zu. Bislang war ich auch der Auffassung, dass Verzeihung und Versöhnung wenn überhaupt dann nur möglich sind, wenn die Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen, ihre Schuld anerkennen und um Entschuldigung bitten. In Kalisas Sichtweise würde dies aber bedeuten, sich weiterhin mit der Haltung der Täter zu belasten und nicht frei werden zu können von deren Taten.

Draußen sind sehr schöne Gärten angelegt, in denen Besucher sich hinsetzen und trauern können. Unter 15 großen Betonplatten liegen die Toten begraben. Als wir an der untersten Ebene ankommen, sagt Kalisa: „Hier liegen die jüngeren Brüder meines Vaters und meine Großeltern. Mein Vater liegt noch in Kamombe, aber er soll auch hierher gebracht werden. Alle Toten in Kigali sollen hier zentral beerdigt werden.“

Bis heute tauchen immer noch Leichen auf, die Zahlen der Toten müssen weiter nach oben korrigiert werden, es sind schon über eine Millionen, sagt Kalisa. Die genauen Zahlen wird man wohl nie feststellen. Prozesse gegen Täter laufen noch, aber die Beteiligung der Bevölkerung ist inzwischen geringer. Immer wieder werden Menschen, die gegen Genocidaires aussagen, bedroht. Erst letzte Woche wurde eine Familie ermordet, erzählt Asterie. In Kigali ist es sicher, aber auf dem Land sieht es anders aus.