Hausbesuche

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Montag darf ich die Sozialarbeiterin Adèle und die junge Krankenschwester Delphine zu Hausbesuchen begleiten. Ein Chauffeur fährt uns mit dem riesigen weißen Jeep von AVEGA über steile, rote Pisten aus der Stadt heraus, durch die schönen grünen Hügel. Delphine ist schüchtern und bildhübsch, immer wenn ich ihr bei AEVGA begegne, lächelt sie strahlend. Auf der Fahrt erzählt sie mir, dass sie Abends Soziologie studiert und dass sie am liebsten anderen Menschen hilft und fast nebenbei erwähnt sie, dass auch sie Waise ist, die einzige Überlebende von 9 Geschwistern. Und dass auch sie Trost in der Religion findet. Der Fahrer legt religiöse Musik auf, Delphine klatscht und singt mit und übersetzt mir die Texte.

Wir fahren zur ‚Aggrémelation de Mageragere’, einer Siedlung in der Nähe von Kigali. IBUKA, die Assoziation der Genozid-Überlebenden, hat hier vor drei Jahren 100 Häuser gebaut. Vor vielen Häusern sind Obstbäume und ordentlich angelegte Beete mit Blumen und Gemüse – Mais, Kohl, Kartoffeln. Hier leben einige AVEGA-Mitglieder.

Wenn die Frauen nicht in der Lage sind, für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, werden sie von mehreren Organisationen unterstützt. Sie erhalten Grundnahrungsmittel über verschiedene Ernährungsprogramme. Das Schulgeld für die Kinder wird von Farge getragen, der Regierungsorganisation zur Unterstützung der Genozidüberlebenden. Einige Frauen können das Fahrgeld zu den Internatsschulen, d.h. einmal im Trimester hin und zurück, nicht finanzieren und beantragen es beim Sozialfonds von AVEGA.

Die Mehrzahl der Witwen wurden durch Vergewaltigungen mit HIV infiziert und erhalten regelmäßige medizinische Untersuchungen und Medikamente durch AVEGA – so auch die meisten Frauen, die wir besuchen. Einige haben von AVEGA einen Zuschuss bekommen um ein Kleingewerbe aufzubauen – z.B. 30.000 Francs, rund 40 Euro, für einen Kleinhandel mit Gemüse oder mit Holzkohlen. 28 Frauen warten noch auf die Entscheidung, ob ihre Anträge bewilligt werden.

Einige Frauen freuen sich sichtlich, Adèle zu sehen, drücken sie fest. Wir setzen uns in die in die kargen Wohnzimmer, manchmal auf Holzbänkchen oder Strohmatten. In einem Wohnzimmer hängen Jesus-Bilder an den Wänden, in einem anderen ein Plakat der Regierungspartei, in anderen gar nichts. Die Armut ist deutlich – eine zerbrochene Vase steht auf dem winzigen Tisch mit der abgeblätterten Beschichtung; ein Plastikstuhl mit nur drei Beinen lehnt an der Wand.

Adéle fragt, wie es geht. Ich finde, die Frauen sehen schlecht aus, mager, mit trübem Blick. Kinder sind dabei – eigene, Enkel, Nachbarskinder. Die meisten Witwen haben auch mehrere Kinder verloren, manche alle. Viele Frauen bitten um Geld – für Fahrkosten oder Einkommensprojekte.

Bei einer Frau ist ein früherer Nachbar zu Besuch. Adéle freut sich, als sie feststellt, dass er vom gleichen Hügel stammt wie sie selbst. Sie schreibt seinen Namen auf um herauszufinden, ob sie nicht eventuell verwandt sind. „Einen alten Tutsi zu treffen, ist etwas besonderes,“ sagt sie. „Es gibt nur wenige, die noch leben.“

Zuletzt besuchen wir Rachel, eine kleine, dünne Frau mit kurzem, grauen Haar. Sie ist 58 Jahre alt, sieht viel älter aus. 1994 wurden ihr Mann und ihre acht Kinder ermordet. Wie sie selbst überlebt hat, ist ihr Geheimnis. Rachel ist nicht mehr gesund geworden nach dem Genozid. Zunächst hat sie nur gezittert. Über die Jahre wurde es immer schlimmer. Ununterbrochen schlägt sie mit den Armen um sich, rauft sich die Haare und die Kleidung – als ob sei heute noch das Entsetzen abwehrte oder verzweifelt Halt suchte. Sie versucht die Hände ruhig zu halten, verschränkt die Arme, schiebst die Hände zwischen die Knie – sie kann sie keine Sekunde ruhig halten. Bei ihr lebt ein Enkelkind, das überlebt hat, und eine Nachbarin schaut nach ihr. Ihren Lebensunterhalt bestreitet ein Spender aus Deutschland. „Danke,“ soll ich ihm sagen, und „Gott schütze uns.“