Kindersoldaten

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Kindersoldaten in Ruanda

Kindersoldaten sind zwar nicht das Thema meines Praktikums in Ruanda, aber trotzdem will ich wissen, wie ihre Situation hier ist. Jean Sayinzoga, der Leiter der ruandischen Kommission für Demobilisierung and Reintegration, empfängt mich zu einem Interview in seinem Büro.

Er berichtet, dass in Ruanda selbst seit langem keine Kindersoldaten mehr eingesetzt werden. 1994 hatten sich viele Jugendliche, deren Angehörige während des Genozids ermordet worden waren, der Befreiungsarmee RPF angeschlossen. Viele von ihnen blieben auch nach der Befreiung beim Militär. 1997 startete die ruandische Regierung ein Demobilisierungsprogramm für Minderjährige, bereits im darauf folgenden Jahr waren sie offiziell alle aus der Armee ausgeschieden. Danach wurden in die ruandische Armee keine Unter-18-Jährigen mehr aufgenommen.

Dennoch gibt es weiterhin ruandische Kindersoldaten, und zwar in den Reihen der Rebellenarmee F.D.L.R., die im Kongo von geflüchteten Anhängern der früheren ruandischen Regierung, ehemaligen Militärs und Tätern des Genozids gegründet worden war. Ab 2001 begann die Demobilisierungskommission die Arbeit mit diesen Jugendlichen mit dem Ziel, sie wieder in die ruandische Gesellschaft zu integrieren. Zwischen 2001 und 2009 wurden 729 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren mit ihren Familien zusammengeführt. Eine Strafverfolgung der Jugendlichen findet nicht statt. Jean Sayinzoga gibt mir die Telefonnummern des Rehabilitationszentrums in Muhazi, in dem demobilisierte Kinder auf ihre Reintegration in das zivile Leben vorbereitet werden. Dort mache ich einen Besuchstermin aus.


Besuch im Rehabilitationszentrum für Kindersoldaten

Nach einer ziemlich abenteuerlichen Bus- und Motorradfahrt komme ich in Begleitung meines ‚Bruders’ Bosco nach Muhazi. Das Rehabilitation Centre liegt in einer wunderschönen grünen Hügellandschaft unter duftenden Bäumen am Ufer des Muhazi-Sees. Große Holzbaracken mit Wellblechdächern bieten sicherlich Platz für hunderte von Menschen von Menschen, aber momentan leben nur 24 Jugendliche zwischen 12 und 17 hier.

Der Leiter des Zentrums, Rafael Rucyahana, ein älterer Herr im bunten Hemd begrüßt mich mit einem sanften Händedruck und führt mich in ein kleines, dunkles Büro. Freundlich erläutert er mir die Arbeit des Zentrums und ihre Hintergründe.


„Der Prozess der Reintegration“ – Interview mit Raphael Rucyahana

R.R.: „1994 sind viele Täter des Genozids gemeinsam mit der geschlagenen ruandischen Armee in den Kongo, damals Zaire, geflohen. Dort haben sie sofort begonnen, sich wieder zu organisieren, um Ruanda anzugreifen. Die so genannte „Demokratische Front zur Befreiung Ruandas“, FDLR, wurde gegründet.

D.Z.: Wie viele Ruander gibt es noch im Kongo, die kämpfen?

R.R.: Wir schätzen, dass es 6.000 Militärs gibt.

D.Z.: Und greifen sie noch die ruandischen Grenzen an?

R.R.: Das kommt praktisch nicht mehr vor. Sie sind in die Wälder zurück gedrängt worden. Die FDLR rekrutiert auch Kinder. Manche schließen sich freiwillig an – aus Überzeugung, aus Hunger oder weil die Angehörigen sie schicken. Andere werden zwangsweise rekrutiert, wenn die FDLR im Zuge von Kämpfen auf Kinder trifft - in den Schulen, auf dem Land, da wo sie wohnen. Diejenigen, die (freiwillig oder unfreiwillig) mitgehen, werden von der FDLR trainiert. So kommen die Kinder in die bewaffneten Gruppen, und sie steigen fast auf gleichem Wege aus. Kinder und Erwachsene werden von den militärischen Autoritäten wie Geiseln gehalten. Um raus zu kommen, fliehen sie, entkommen sie den Wachen der FDLR. Sie begeben sich zur Station der UN-Truppe MONUC oder vielleicht auch zu den Posten der kongolesischen Armee FADC. Es gibt auch Kinder, ebenso wie Erwachsene, die im Zuge von Kämpfen gefangen genommen werden, wenn die MONUC und die kongolesische Armee die FDLR angreifen. Die FADC leitet Kinder an die MONUC weiter. Und die MONUC hat die Aufgabe, diejenigen, die nach Ruanda zurückkehren wollen, zu repatriieren. Wenn sie bei der MONUC angekommen sind, werden sie direkt an die kongolesisch-ruandische Grenze gebracht. Hier übernehmen wir sie.

Wir machen ein Screening um zu überprüfen, ob sie Kongolesen oder Ruander sind. Das ist nicht so einfach. Im Osten des Kongo wird auch Kinyarwanda gesprochen, die Leute sprechen die gleiche Sprache. Die Kongolesen müssen im Kongo bleiben. Alle Demobilisierten werden dann nach Mutobo gebracht. In Mutobo wird wieder ein Screening durchgeführt. Die Unter-18-Jährigen werden als Kinder angesehen und hierher ins Rehabilitationszentrum für Ex-Kombattanten-Kinder nach Muhazi gebracht. Wenn sie hier in Muhazi angekommen sind, nehmen wir sie in Empfang. Wir machen eine Registrierung und Identifizierung. Wir haben auch die Aufgabe, die Familien dieser Kinder zu finden. Einige wissen nicht einmal, wo ihre Familie sich befindet, weil sie sehr jung waren, als sie rekrutiert wurden.“

D.Z.: „Und sind die Familien im Kongo?“

R.R.: „Das Phänomen der Flüchtlinge ist komplex. Es gibt Fälle, in denen das Kind alleine dort zurück gelassen wurde. Einige wissen nicht, ob ihre Familien noch im Kongo sind oder inzwischen zurückgekehrt. Wir arbeiten mit dem internationalen Roten Kreuz zusammen. Wenn wir das Kind identifizieren können, machen wir Radiospots. Es gibt eine Journalistin, die hierher kommt und das Kind befragt. Es gibt eine Radiosendung der Demobilisierungskommission, in der die FDLR und die Ruander aufgerufen werden, nach Ruanda zurück zu kehren.

Wir geben den Kindern Kleidung zum Anziehen, wir ernähren sie. Diejenigen, die krank sind, lassen wir behandeln, bis sie in guter physischer Verfassung sind. Diejenigen, die nicht lesen können, lehren wir lesen und schreiben, dafür gibt es Lehrer. Es gibt auch psychosoziale Unterstützung. Sie werden hier nicht ewig bleiben, sie werden in die ruandische Gesellschaft reintegriert. Wir bringen ihnen bei, mit der Gemeinschaft zu leben, was man aktuell im Land macht. Wenn sie da im Kongo sind, erzählt man ihnen: ‚diejenigen, die nach Ruanda gehen, werden getötet etc.’ Also sagen wir ihnen, dass hier Frieden ist, die Leute leben ohne Probleme zusammen. Es gibt Unterricht in Staatsbürgerkunde, in der Tat geht es aber um generelle Fragen des Lebens, der guten Zusammenlebens. Beispielsweise nicht zu stehlen, sich zu schlagen, alles, was dazu führen kann, dass jemand von der Gesellschaft schlecht angesehen wird.

Währenddessen forschen wir nach der Familie. In den meisten Fällen, finden wir die Familien. Momentan gibt es nicht mehr als fünf Jugendliche, die länger als sechs Monate hier im Zentrum sind, ohne dass sie ihre Familie wieder finden konnten. Es gibt auch welche, die länger als zwei Jahre da sind, ohne sie zu finden.“

D.Z.: „Wollen alle Familien, dass die Jugendlichen zu ihnen zurückkehren, oder gibt es auch Familien, die Angst haben?“

R.R.: „Am Anfang ja. Am Anfang glauben sie, dass es Probleme geben wird. Sie wissen: mein Kind oder Familienangehöriger hat gegen die Regierung gekämpft. Es findet eine Sensibilisierungsarbeit statt, wir ermutigen die Familien, die Kinder zu akzeptieren. Mit der Zeit und dem einkehrenden Frieden stellen sie fest, dass es kein Problem ist, sie wieder aufzunehmen. Sie finden es besser, dass sie bei ihnen sind als an der Front, auf dem Schlachtfeld. Auch wenn sie die Radiosendungen hören, kommen die Familien selbst hierher um zu erfahren, ob ihr Kind hier ist. Sie kommen es besuchen. Wenn sie kommen, geben wir dem Kind Urlaub. Sie fahren zusammen nach hause und sie kommen wieder zurück, damit sie offiziell wiedervereinigt werden.

Wenn wir die Familie finden, kommt der Prozess der Wiedervereinigung in Gang. Wir geben den Kindern eine „Wiedervereinigungs-Box“, die sie mit nach hause nehmen können: Geschirr, Besteck, alles was notwendig ist.“

D.Z.: „Damit sie nicht mit leeren Händen heimkommen?“

R.R.: „Ja. Dann bringen wir das Kind nach hause. Es wird offiziell empfangen, durch die Verwandten und die lokalen Autoritäten. Es ist wichtig, dass die Autoritäten informiert sind, dass das Kind kommt und dass es von der Regierung gebracht wird, damit es keine Unsicherheit gibt.“

D.Z.: „Gibt es Fälle, in denen die Gemeinschaften diese Kinder ablehnen und sagen, wir wollen keinen ehemaligen Kämpfer im Dorf?“

R.R.: „Nein, weil es kein Kämpfer mehr ist, wenn es kommt. Es ist ein Jugendlicher, der in die Familie integriert wird, bei den Eltern, oder wenn die nicht mehr da sind, bei anderen Familienmitgliedern. Selbst wenn die Eltern nicht mehr da sind, sagen die Nachbarn: ‚Das ist das Kind von dem und dem, den wir gekannt haben.’ Das ist nicht schwer. Die Familien sind einander sehr nah. Wenn man ihnen sagt, dass es das Kind eines Verstorbenen ist, das ankommt, kennt die Gemeinschaft die Verwandten. Da gibt es keine Probleme. Probleme gab es, als es noch Angriffe gab, da war es schwieriger, aber jetzt, wo Frieden ist, sind sie zufrieden, wenn sie das Kind wieder finden.

Sobald das Kind zuhause ankommt, folgt der Prozess der sozialen und wirtschaftlichen Reintegration. Der größte Teil dieser Kinder ist nicht zur Schule gegangen. Wir investieren in die Schulbildung. Wir ermutigen alle, ob groß oder klein, zur Schule zu gehen. Aber ist nicht leicht, im Alter von 18 Jahren im ersten oder fünften Schuljahr anzufangen. Viele fühlen sich unwohl. Manche akzeptieren das und gehen zur Schule, weil sie es selbst wollen. Aber es gibt Fälle, die nicht wollen. Wenn sie zur Schule gehen wollen, kaufen wir ihnen die Schulmaterialien und die Uniform. Und wir helfen der Familie, die sie aufgenommen hat, ein Projekt vorzubereiten um das Schulgeld für das Kind bezahlen zu können. Die Hilfe der Kommission ist zeitlich begrenzt, also muss die Familie in die Lage versetzt werden, das Schulgeld für das Kind selbst zu bezahlen. Wir ermutigen auch diejenigen, die schon älter sind, wenigstens gut lesen und schreiben zu lernen. In den Gemeinden gibt es Alphabetisierungszentren, wir ermutigen sie, dort hinzugehen und im Anschluss eine Berufsausbildung zu absolvieren. Es gibt drei Reintegrationsflügel: entweder die Schulbildung, die Ausbildung oder die Integration mithilfe finanzieller Investitionen. Die älteren Jugendlichen, die auf eigene Verantwortung arbeiten können, die können sich der Viehzucht, der Landwirtschaft oder dem Kleinhandel widmen.“

D.Z.: „Bekommen sie einen Kredit, um anfangen zu können?“

R.R.: „Ja, so ist es. Für diejenigen, die eine Berufsausbildung absolvieren, übernimmt die Kommission die Ausbildungskosten und eventuell, falls sie Miete zahlen müssen, auch die Unterkunftskosten.“

D.Z.: „Welche Berufsausbildungen können die Jugendlichen machen?“

R.R.: „Schreiner, Elektriker… nicht auf einem sehr gehobenen Niveau.“

D.Z.: „Gibt es Fälle, in denen die Nachbarn in den Gemeinden sagen: ‚Das ist ungerecht, dass die diese Hilfe bekommen, wir sind auch arm, aber unsere Kinder bekommen nichts?’ Gibt es solche Konflikte in den Gemeinden?“

R.R.: „Nein. Weil es nachvollziehbar ist. Wie bei den Erwachsenen, die ins zivile Leben und die Gesellschaft reintegriert werden und deren Lebensunterhalt für eine Übergangszeit von drei Monaten gesichert wird. Es ist eine Form, die Nachbarn zu entlasten, weil sie diejenigen wären, die sich darum kümmern müssten. Wenn ich aus dem Kongo komme und der Staat mir nichts gibt, um davon zu leben, lassen die Nachbarn mich nicht einfach sterben. Diejenigen, die ihre Familie nicht finden, bleiben hier. Der Ablauf ist im Grunde der Gleiche: Wir ermutigen sie, zur Schule zu gehen. Für die Älteren, die nicht mehr zur Grundschule gehen wollen, haben wir Verträge mit Ausbildungszentren geschlossen. Wenn sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben, gehen sie raus und üben ihren Beruf aus. Wir stellen ihnen die Materialien, um anfangen zu können und wir geben ihnen ein wenig Geld, damit sie sich niederlassen können. Es ist nur wenig Geld, wir wollen, dass sie selbst arbeiten.

Sie können sich auch hier außerhalb des Zentrums ein Haus bauen, und dort Türen oder Möbel herstellen. Wenn sie zu zweit oder zu dritt sind, können sie zusammen nach Kigali gehen, sie können ein Haus zusammen mieten und so zusammen arbeiten. Das ist die Form der Wiedereingliederung.“

D.Z.: „Gibt es Fälle, in denen es Probleme gibt, wenn die Jugendlichen in die Gemeinden zurück kehren? Wenn sie es zum Beispiel nicht mehr gewohnt sind, in der Familie zu leben und sich der elterlichen Autorität unterzuordnen? Klappt das immer oder gibt es auch Konflikte?“

R.R.: „Auf alle Fälle muss es von Zeit zu Zeit Konflikte geben, wenn jemand seine Familie zurück gewinnt, nach so vielen Jahren bei der Armee oder in bewaffneten Gruppen, wo die Erziehung nicht perfekt ist. Selbst in normalen Familien gibt es Fälle, in denen das Kind sich nicht mit den Eltern versteht. Ich kenne keinen Fall, aber das muss es geben, wie bei allen anderen Kindern auch.“

D.Z.: „Gibt es auch Mädchen unter den Demobilisierten?“

R.R.: „Mädchen gibt es nicht so viele. Ich habe Ihnen berichtet, wie die Kinder die bewaffneten Gruppen verlassen und in den Wald flüchten. Sie werden schwer bewacht, und deshalb ist es schwierig für ein Mädchen, zu entkommen und die zahlreichen Barrieren zu überwinden. Außerdem lernt die Mehrzahl der Mädchen zwar den Umgang mit Waffen, aber sie werden vor allem sexuell ausgebeutet. Sie sind keine wirklichen Kämpfer. Die Jungen marschieren, sie sind unterwegs, sie entwischen während der Nacht. Sie sind gezwungen, die ganze Nacht zu laufen. Tagsüber verstecken sie sich irgendwo und warten dann auf die nächste Nacht um weiter zu gehen. Das ist schwierig für ein Mädchen. Es sind nicht viele, die ankommen. Seit ich hier bin, habe ich nur eines gesehen, ich weiß nicht, ob es noch weitere gibt. Und dieses Mädchen war auch noch Kongolesin, wir haben sie repatriiert.“

D.Z.: „Mich interessiert Ihr Konzept psychosozialer Arbeit, auch in Bezug auf mögliche Traumatisierungen der ehemaligen Kindersoldaten.“

R.R.: „Ich bin seit sieben Monaten hier, und vorher habe ich bei der Demobilisierungskommission gearbeitet, und in dieser Zeit hatten wir keine Fälle von Traumatisierung. Wir haben Spezialisten, die mit ihnen sprechen, um zu sehen, ob es keine Trauma-Fälle unter ihnen gibt, aber bislang gab es sie nicht. Wir finden, es sind normale Kinder, es gibt da keine Probleme. Ich frage mich auch immer, ob es nicht eigentlich viel mehr Fälle geben müsste. Häufig tendieren die Kinder, die in bewaffneten Gruppen waren, dazu sich schlagen zu wollen, wenn es verbale Dispute gibt. Mit der Zeit begreifen sie, dass es nicht gut ist, sich zu schlagen. Wir sagen ihnen, dass sie sich in ihre Familien reintegrieren, und wenn sie sich dort schlagen, werden sie schlecht angesehen. Sie riskieren, abgelehnt zu werden. Es gibt auch diejenigen, die hier her gekommen sind und Gras geraucht haben, das sind nicht viele, aber sie haben damit aufgehört. Selbst diejenigen, die Zigaretten geraucht haben, hören damit auf. Wir sagen ihnen, dass das nicht gut ist, und Stück für Stück gewöhnen sie sich daran.“

D.Z.: „Sind Sie hier eine Gruppe von Professionellen, die mit den Jugendlichen arbeiten?“

R.R.: „Es kommen Leute von Außerhalb, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Ich lebe hier, es gibt jemanden, der für die Logistik verantwortlich ist, es gibt zwei Köche, die anderen werden für die Stunden bezahlt, in denen sie kommen. Wir haben noch einen Sozialarbeiter und jemanden, der ruandische Bräuche lehrt, die ruandischen Tänze, die Sprichworte und so weiter. Weil das gut für die Jugendlichen ist, sie kennen das nicht.

D.Z.: „Unter den Jugendlichen, mit denen wir in Deutschland arbeiten, ist oft ein sehr starkes Schuldgefühl, weil sie Verbrechen begangen haben, für die sie sich schuldig fühlen. Ist das unter den Jugendlichen hier auch ein Thema?“

R.R.: „Wenn sie hierher kommen und sehen, wie sie aufgenommen werden, konstatieren sie vor allem, dass sie Zeit verloren haben. Anstatt in den Wald zu gehen um zu lernen, mit Waffen umzugehen, hätten sie etwas anderes tun sollen. Aber Schuldgefühle? Das muss es geben, aber sie sprechen nicht darüber. Sie sagen auch nicht gerne, dass sie getötet haben. Sie sagen, dass sie an Kämpfen teilgenommen haben – aber töten? Sie sind Militärs. Wenn es ein Ziel gibt, töten sie, und das bereuen sie nicht. Diejenigen, die es bereuen, sind diejenigen, die Menschen sinnlos töten um des Tötens Willen. Jemanden töten, den du hättest retten können.“


„Hier gibt es Frieden und Sicherheit“ – Gespräche ehemaligen Kindersoldaten

Raphael Rucyahana lädt uns ein, mit den Jugendlichen zu sprechen. Er führt uns zu einem Kreis von Bänken, die im Schatten unter Bäumen im Kreis stehen und stellt uns einen Jugendlichen vor, Vincent Fidele. Er ist der Sprecher der Jugendlichen. Ein freundlicher Junge mit offenem Gesicht. Er spricht sowohl Französisch als auch Englisch. Er berichtet, dass seine Familie in den Kongo gegangen ist, als er zwei Jahre alt war – wahrscheinlich im Zuge der großen Fluchtwellen von Hutu nach dem Genozid 1994. Seine Mutter verstarb früh, sein Vater schloss sich der FDLR an. Bereits als Kind machte Vincent auch mit. Nachdem sein Vater gestorben war, entschloss er sich zur Flucht. „Das Leben im Militärcamp ist hart.“, sagt Vincent. „Auch wir Kinder müssen an Gefechten teilnehmen. Wir müssen hart arbeiten, Feuerholz suchen, das Essen zubereiten.“ Seit vier Monaten ist er nun im Rehabilitation Centre. „Hier ist es viel besser.“, sagt er. „Hier gibt es keine Probleme, hier gibt es Frieden und Sicherheit.“ Vincents Angehörige wurden bisher nicht gefunden. „Meine Eltern sind jetzt die Kommission,“ sagt er: „das ist wie meine Familie.“

Nach und nach kommen weitere Jugendliche hinzu. Die meisten wirken recht kindlich, sehen aus wie 13, 14, sind aber fast alle bereits 17. Nur ein weiterer Junge spricht Französisch. Eric heißt er, auch 17 Jahre alt. Seit drei Wochen ist er in Muhazi. Es gefällt ihm sehr gut im Vergleich zum Kongo. „Wir bekommen Essen und Kleidung.“ Seine Eltern leben noch im Kongo. Er schloss sich der FDLR an, als er 13 war. Es gefällt ihm, mit den anderen Jugendlichen zusammen zu leben und er möchte gerne zu Schule gehen. Bosco übersetzt für die anderen. Ich frage sie, was ihnen wichtig ist. Janvier, 17, sagt, es sei ihm wichtig, in die Gesellschaft reintegriert zu werden, Wenn er seine Familie wieder finde, wolle er gerne zur Schule gehen. Auch Joel, 17, möchte in der ruandischen Gesellschaft leben. Er will Bauer werden, ebenso wie Niyonzima und Jean Pierre. Die Jungen tauen auf, stellen neugierige Fragen, über meine Arbeit, Europa. Sie bitten mich, ihnen Brieffreunde in Deutschland zu suchen und schreiben mir ihre Adresse auf, die ich bei Interesse gerne weiter gebe.

Die gesellschaftliche Reintegration erwähnen viele. „Es ist viel einfacher, in einer zivilen Gesellschaft zu leben.“ sagt Vincent. „Du kannst deine eigenen Entscheidungen treffen und bist niemandem Rechenschaft schuldig. Keiner kontrolliert dich. Wir wollen einfach Menschen sein.“