Kommunikation

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Es ist so bedauerlich, dass ich kein Kinyarwanda spreche. Die meisten Vormittage verbringe ich im Büro der Koordinatorin Jeanne und schreibe an meinen Texten. In den Innenhöfen und auf dem Rasen vor den Gebäuden warten die Klientinnen von AVEGA, sitzen in Gruppen zusammen. Wenn ich vorbei gehe, blicken viele mich erwartungsvoll an. Es wäre so einfach, in Kontakt zu kommen, wenn ich mich nur verständigen könnte. So bleibt es beim Grüßen, spontane Gespräche sind nicht möglich, kaum jemand spricht Französisch oder Englisch.

Als ich die Straße vor dem AVEGA-Büro hinunter gehe, kommt mir eine Gruppe von Frauen entgegen. Zwei von ihnen kenne ich von den Hausbesuchen. Sie stürmen auf mich zu, umarmen mich herzlich, fragen etwas. Was ich natürlich nicht verstehe, ich kann nicht antworten. Wir lächeln wir uns an, weiter geht die Kommunikation leider nicht.

Mado, die Sekretärin, hat es sich zur Aufgabe gemacht, mir Kinyarwanda beizubringen. Jedes Mal, wenn wir uns sehen, spricht sie mich auf Kinyarwanda an. Bislang hatte ich gedacht, ich sei sprachbegabt, aber das beschränkt sich ganz offensichtlich auf europäische Sprachen. Kinyarwanda bleibt einfach nicht hängen. Die Jungs in meiner Familie versuchen es auch – ich glaube, sie mussten „Gute Nacht“ zwei Wochen lang wiederholen, bis ich es mir endlich merken konnte. „Ijoro Gwisa“, vielleicht wird es auch anders geschrieben. Jedenfalls gibt es keine Ähnlichkeiten mit Worten die ich kenne, ich kann keine Verknüpfungen bilden.

Mit Charlotte, dem Hausmädchen, verständige ich mich mit einer Mischung aus Gesten, einzelner Worte und verlegenem Lächeln. Im Kinyarwanda-Sprachführer stehen die Worte, die ich suche, eigentlich nie.

Einzelne Sätze klappen inzwischen – begrüßen, verabschieden und bedanken oder Telefonkarten, Wasser und Kuchen kaufen. Wahrscheinlich würde ich die Sprache irgendwann lernen, wenn ich lange genug im Land bleibe. Aber es dauert.

Solange sitze ich oft bei Unterhaltungen dabei und verstehe wirklich kein Wort. Keine Ahnung, worum es geht. Selbst wenn die Klientinnen im PSZ türkisch oder albanisch sprechen habe ich oft das Gefühl, ich kann zumindest erahnen, über welches Themenfeld gesprochen wird. Hier nicht. Wenn ich in den Mittagspausen in der Kantine mit den Kolleginnen am Tisch sitze und sich nicht gerade jemand erbarmt, mit mir Französisch zu sprechen, sitze ich also häufig schweigend und mit freundlichem Gesichtsausdruck dabei. Astérie berichtet mir begeistert, dass die Kantinenfrauen ihr gesagt hätten, ich sei so nett und ruhig „wie eine richtige Ruanderin, aber eine von den Guten.“ Tja.

Die Ruander sind tatsächlich eher ruhig und zurückhaltend. Maurice macht mich darauf aufmerksam, dass „wir Deutschen“ ja ständig beim Reden mit den Händen gestikulieren, die Ruander hingegen sich die Arme ruhig hielten. Stimmt, ich gestikuliere mehr als die Leute um mich herum, wobei das wohl weniger auf mein „Deutschsein“ als auf mein Ringen nach Worten zurückzuführen ist.

Insgesamt empfinde ich die Atmosphäre hier als ruhig und friedlich - ganz anders als in Mittelamerika nach den Bürgerkriegen, wo ich oft das Gefühl hatte, es liegt Gewalt in der Luft. Auf der Straße habe ich noch keine Streitereien oder Schlägereien gesehen. Nicht einmal die vielen Soldaten machen einen besonders bedrohlichen Eindruck auf mich. Gerade kamen mir zwei Polizisten entgegen, die Händchen hielten. Das dürfen hier nicht nur Frauen untereinander, sondern auch Männer, das ist mir sehr sympathisch. Wenn ich aber daran denke, dass die Bevölkerungsmehrheit hier vor 15 Jahren damit einverstanden war, eine Millionen Menschen niederzumetzeln, finde ich diese Ruhe fast gruselig.