Kulturspezifisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit in Ruanda

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Uraramukeho! - Kulturspezifisches Verständnis von Krankheit und Gesundheit in Ruanda

Esther Mujawayo-Keiner, Soziologin und Traumatherapeutin

Bevor ich zu den Konzepten von Gesundheit und Krankheit in der ruandischen Kultur komme, möchte ich drei Faktoren hervorheben, die die Konzeption und Entwicklung des Gesundheitssystems in Ruanda stark beeinflusst haben:

  1. Christentum und Kolonialismus: Die Christianisierung Ruandas kam gleichzeitig und größtenteils durch die gleichen Leute wie die Kolonisierung. Diese versuchten nicht ausreichend zu verstehen, was der Glaube der einheimischen Bevölkerung war, sondern betrachteten die traditionelle Religion als Heidentum, das beseitigt werden sollte, obgleich die Menschen an Imana glaubten, als einzigen Gott und Herrscher über alles, also gar nicht so verschieden war von dem Gott, der jetzt in den neuen Religionen gepredigt wurde. Seit damals wurden alle heilenden Zeremonien, die sich mit überirdischen Kräften beschäftigen, die Ahnen anrufen usw., verboten und überdauerten nur im Geheimen.
  2. Extreme Armut: Ruanda ist ein sehr armes Land. Die Einkommen sind sehr niedrig. Menschen sterben an leicht heilbaren Krankheiten wie Malaria, weil sie sich die Medikamente nicht leisten können. Eine komplette medikamentöse Behandlung von Malaria kostet nicht mehr als vier Euro.
  3. 1994 fand ein Genozid in Ruanda statt. Fast eine Million Menschen wurde innerhalb von 100 Tagen getötet und ungefähr drei Millionen wurden in Flüchtlingslager vertrieben. Die Überlebenden des Genozids haben physische und psychische Wunden davongetragen, die eine lange Zeit brauchen werden, um zu heilen. Viele Menschen leiden an körperlichen Behinderungen, und am schlechtesten ist die Situation von Frauen, die vergewaltigt und mit HIV bzw. AIDS infiziert wurden. Heute sind viele bereits gestorben. Die internationale Gemeinschaft, die sie nicht unterstützte, die Vergewaltigungen und Verletzungen nicht verhinderte, tut heute fast nichts um ihnen zu helfen zu leben. Stattdessen stellt das internationale UNO-Tribunal die kombinierte HIV-Therapie jenen Gefangenen in ihrem Verantwortungsbereich zur Verfügung, die an AIDS erkrankt sind und von denen bekannt ist, dass sie Frauen vergewaltigt haben. Auch die Mehrheit der Frauen, die aus den Flüchtlingslagern zurückgekehrt sind, wurden vergewaltigt oder durch die harten Lebensbedingungen in den Lagern zur Prostitution gezwungen und sind mit AIDS infiziert. Sie verbreiten es jetzt nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Gebieten.

Das Konzept des Gesundseins

In Ruanda ist es sehr wichtig, gesund zu sein. Wie merkt man das im Alltagsleben? - Wenn jemand in Ihrer Anwesenheit niest, müssen Sie zu ihm sagen: „Urakire“. Das bedeutet: Seien Sie gesund! aber auch Seien Sie reich! Wer gesund ist, ist auch reich. Selbst wenn man die Person, die niest, nicht kennt, wie zum Beispiel in öffentlichen Transportmitteln, muss man das sagen.

  • Wenn man jemand morgens grüßt, sagt man: „Waramutseho?“. Das bedeutet: Haben Sie die Nacht überlebt? Während des Tages fragt man: „Wiriweho?“, was bedeutet: Leben Sie heute? Und bevor Sie jemanden für die Nacht verlassen, sagen Sie: „Uraramukeho“. Das bedeutet: Überleben Sie die Nacht, seien Sie morgen lebendig!
  • Wenn Sie jemandem für etwas Spezielles danken, sagen Sie: „Urakabaho“. Das bedeutet: Seien Sie lebendig!
  • Möchten Sie jemanden beleidigen, heißt es: „Uragapfa“. Das bedeutet: Ich wünsche Ihnen, dass Sie sterben! Die noch schlimmere Beleidigung lautet: „Uragapfa udakize“ oder „Uragapfa utabyaye“: Ich wünsche Ihnen, dass Sie arm sterben! oder Ich wünsche Ihnen, dass Sie ohne Kinder sterben!

Krankheit ist eine Schande. Sie wird versteckt, besonders die ansteckenden Krankheiten wie Tuberkulose oder AIDS.

Wie ziehen Sie sich eine Krankheit zu?

Es gibt körperliche Krankheiten wie Wunden oder Husten. Aber meistens bekommt man eine Krankheit nicht einfach von selbst, nicht einmal die scheinbar eindeutig körperlichen. In der Regel werden sie durch jemanden gesendet - einen Feind, einen Nachbarn, jemanden, der neidisch ist auf Ihrem ökonomischen Erfolg, Ihre vielen gesunden Kinder, Ihre vielen gesunden Kühe, Ihre vielen Hektar Land usw... Dies wird „Kuroga“ genannt und bedeutet, jemanden zu vergiften.

Jemand vergiftet Sie aus sozialen Gründen, familiären Gründen, ökonomischen Gründen, wegen Nachbarschaftsproblemen usw.. Das Gift kann oral aufgenommen werden, indem Sie etwas essen oder trinken, oder durch Berührung, sogar aus der Entfernung: Etwas wird irgendwo deponiert, wo Sie regelmäßig vorbeigehen - auf dem Weg zum Markt, zum Brunnen oder zur Kirche. Wenn Sie auf den betreffenden Gegenstand treten, infizieren Sie sich. Es kann etwas so ernsthaftes wie Wahnsinn sein, aber es kann auch etwas wie Hautausschlag sein. In so einem Fall lässt die erkrankte Person Sachen, die sie zur Hautpflege benutzt hat, auf Ihrem Weg liegen, und wenn Sie darüber laufen, bekommen Sie die Hautkrankheit und die andere Person ist automatisch kuriert, weil die Krankheit jetzt bei jemand anderem ist.

Auf diese Weise kann man Probleme wie Sterilität und Kinderlosigkeit bekommen, das Ausbleiben der Regelblutung, man kann Single bleiben und nie einen Ehemann finden, man kann verrückt werden, den ganzen Reichtum verlieren usw.

Dieses Konzept ist momentan sehr gefährlich, weil viele Leute noch glauben, dass sie AIDS loswerden können, wenn sie mit einem sehr jungen Mädchen schlafen, das keinesfalls infiziert sein kann, weil sie dann die Krankheit bekommt und man selbst kuriert ist.

Dies zeigt, wie wichtig es ist, eine Krankheit eher unter sozialen als unter physischen Gesichtspunkten zu verstehen.

Wie kurieren Sie eine Krankheit?

Der Heilende muss ein Spezialist sein. Er ist von einer Aura des Geheimnisvollen umgeben. Deshalb ist es heutzutage wichtig, dass die Ärzte und Krankenschwestern ihre weißen Kittel tragen. Sie können niemanden kurieren, wenn Sie ein einfaches menschliches Wesen wie jeder andere auch sind.
Die meisten Medikamente sind pflanzlich. Sie werden aus normalen Pflanzen hergestellt, die aber nur dem Heiler bekannt sind. Er hinterlässt sein Geheimwissen einem seiner Kinder, das sein Wissen weitertragen wird.

Sie bereiten die Medizin in Form von Getränken zu. Die Kranken müssen große Mengen davon trinken. Der Rest der Pflanzen wird benutzt, um den Körper damit zu massieren, es wird also einerseits innerlich, andererseits äußerlich behandelt. Manchmal wird die Haut auch eingeritzt, so dass die Medizin, die einmassiert wird, sehr schnell in den Körper eindringen kann. Diese Praxis wirft heute ein großes Problem mit AIDS-Infektionen auf, da Heiler ihre nicht desinfizierten Instrumente bei vielen verschiedenen Patienten benutzen.

Der Heiler muss auch mit den Geistern sprechen, weil der Grund der Krankheit zumeist außerhalb des Körpers gesehen wird. Es gibt einen Feind. Er muss herausfinden, wer der Feind ist und was dessen Gründe sind.

Ein Geheimnis muss den Heiler umgeben: Dunkelheit im Raum, Stimmen und andere seltsame Geräusche, Rauch usw.. Traditionell werden die Heiler mit Naturalien bezahlt. Sie bekommen eine Ziege, ein Huhn oder Lebensmittel. Heutzutage bitten sie außerdem um Geld. Normalerweise zahlen die Patienten, nachdem sie kuriert worden sind, nicht vorher.

Die Kur kann ambulant durchgeführt werden und die Patienten liegen zu Hause, oder aber Sie werden bei dem Heiler untergebracht. Sie brauchen dann jemanden, vorzugsweise ein Mitglied ihrer Familie, das sich um sie kümmert, für sie kocht, wäscht usw.. Deshalb ist hier die Vorstellung eines Krankenhausaufenthaltes, bei dem niemand mit im Krankenhaus bleibt, und weder Freunde noch Familienangehörige Essen bringen, sehr merkwürdig, besonders bei glücklichen Ereignissen wie einer Geburt.

Drogen, Alkohol und andere Süchte

Heute sind Drogen zu einem brennenden Problem geworden. Obwohl Pflanzen wie Haschisch in Ruanda wachsen, wurden sie nicht in größerem Ausmaß benutzt. Aber mit dem Zunehmen der Urbanisierung, die mit einer sehr starken Verarmung der ländlichen Gebiete verbunden ist, haben Leute begonnen, Drogen zu benutzen, um ihr Elend zu vergessen.

Dazu kommt, dass die Planer und Strategen des Genozids während seiner Durchführung Drogen und Alkohol verbreitet haben, um die Mörder gefühlloser gegenüber den Grausamkeiten zu machen, die sie begingen.

Heute ist sieht man auch häufig Straßenkinder, die Klebstoff oder andere Produkte schnüffeln, die sie betäuben, so dass sie nicht mehr wahrnehmen müssen, wie traurig und hart ihr Leben ist.

Traditionell war es durchaus üblich zu rauchen, hauptsächlich Tabak in traditionellen Pfeifen. Sogar den Frauen, allerdings den alten Frauen, war es erlaubt, in der Öffentlichkeit zu rauchen. Jedoch bei den modernen Zigaretten, die aufkommen, ist es nicht gut angesehen, wenn eine Frau in der Öffentlichkeit raucht, sie gilt dann als Prostituierte.

Alkohol wurde traditionell in den Familien produziert. Jede Familie kann ihr Bananen- oder Sorghumbier herstellen. Es wird mit den Nachbarn geteilt. Die Eltern achten darauf, dass die Kinder nicht zu viel trinken, aber es war nicht verboten. Heute ist der Alkohol ein großes Problem. Viele Familien zerbrechen, weil die Väter das ganze Einkommen vertrinken, da sie jetzt in den kleinen Bars, die sowohl importierte als auch lokale Getränke verkaufen, bezahlen müssen. Viele Menschen, die durch den Genozid betroffen waren, und die keine Möglichkeit gefunden haben, mit ihren traumatischen Erlebnissen umzugehen, trinken immer mehr Alkohol.

Psychische Krankheiten

Traditionell wurde jede psychische oder psychologische Störung „Verrücktheit“ genannt. Der „Verrückte“ war ein besonderer Mensch. Er hatte die Autorität, zu jedem die Wahrheit zu sagen. Ein Sprichwort besagt: „Umusazi arasara akagwa kw'ijambo.“ Das heißt, dass ein verrückter Mensch in seiner Verrücktheit das wahre Wort spricht.

Sie waren nicht eingeschlossen, sondern bewegten sich ungehindert von Haus zu Haus. Und in den meisten Fällen versuchte ein Heiler herauszufinden, wer die Person ist, die sie beleidigt haben, und die ihnen diese Verrücktheit geschickt hat.

Heute gibt es für das gesamte Land ein psychiatrisches Krankenhaus und ein oder zwei qualifizierte Psychiater. Am Anfang gingen die Leute dort nur sehr widerstrebend hin, und jeder, von dem bekannt wurde, am „Ndera“ gewesen zu sein, wie der Hügel heißt, auf dem das Krankenhaus liegt, konnte sicher sein, dass dieses Stigma ihm für immer anhaften würde.

Mit dem Genozid hat sich die Situation für psychisch Kranke verschlechtert. Während des Genozids haben die Menschen, Alte wie Junge, Kinder, Frauen, allesamt Grausamkeiten gesehen oder begangen.

Die wenigen Menschen, gegen die der Genozid gerichtet war, die ihn aber überlebt haben, überlebten mit sehr ernsten Verwundungen, sowohl physischer als auch psychischer Art, und sind traumatisiert. Da die Tötungen vor allem auf Männer abzielten, sind die Mehrzahl der Überlebenden Frauen und Kinder. Wir gründeten eine Vereinigung der Witwen, genannt Avega-agahozo, mit dem Ziel, sich gegenseitig zu helfen, nicht verrückt zu werden. Weil alle Bedingungen zum Verrücktwerden vorhanden waren: In weniger als drei Monaten verloren sie ihre gesamte Familie, Ehemann, Kinder, Eltern. Sie wurden auf entsetzliche Weise getötet. Und die Frauen bleiben mit diesen Bildern zurück. Noch schlimmer ist, dass sie sie nicht begraben konnten. Die Körper wurden von Hunden gegessen oder in Latrinengruben geworfen. Die Häuser wurden zerstört und das Eigentum geplündert. So haben sie nicht einmal einen Platz, an dem sie trauern können. Ihre Nachbarn, die ihnen in solchen Situationen helfen sollten, sind diejenigen, die ihre Familien getötet haben, und sie misstrauen sich gegenseitig. Und dazu sind sie nicht mehr gesund genug, um sich auf ihre eigene Energie verlassen zu können. Viele sind schwer behindert und können nicht mehr alles tun, oder schlimmer noch, sind von Banden vergewaltigt und mit AIDS infiziert worden.

Traditionell waren bei solch schweren Problemen die Familie oder sehr enge Freunde präsent, die zuhören und Trost geben konnten. Einige familiäre und soziale Rituale zum Klagen und Trauern, die den Leuten geholfen haben, mit dem Verlust von Menschen, die sie liebten, fertig zu werden, konnten während des Genozids nicht ausgeübt werden, und dabei ging es nicht um den Verlust einer Person, sondern fast die gesamte Familie wurde ausradiert.

Heute sind die Familien und Freunde nicht mehr da. Und neue Wege müssen gefunden werden. Professionelle Trauma-Berater sind erschienen. Dies war ein vollständig neues Konzept in Ruanda, und am Anfang gab es unter ihnen nicht einen einzigen Ruander. Aber es ist eine hoffnungsvolle Entwicklung, dass RuanderInnen, hauptsächlich Frauen, ausgebildet worden sind und sich dieser Arbeit widmen. Aber angesichts der unglaublichen Nachfrage z.B. in unserer Witwen-Organisation, haben wir begonnen, Programme zu verbreiten, die sehr einfache Erklärungen bieten, was ein Trauma ist, wie traumatisierte Kinder, Frauen oder Männer reagieren, wie man ihnen an erster Stelle helfen kann. Dazu beginnen wir, Frauen, Mitglieder der Vereinigung, die bereits anderen in der Gemeinschaft helfen, in sogenanntem „hilfreichen aktiven Zuhören“ (Helpful Active Listening) auszubilden, damit sie in den weniger ernsten Fällen bereits helfen können, und die übrigen an die wenigen Fachleute verweisen.

Kategorie:Gesundheit