Landsleute und Überlebende

From Avega-Ruanda-Wiki
Jump to: navigation, search

Der Sonntag ist sehr entspannt. Ich treffe mich mit zwei anderen Deutschen. Patrizia habe ich im Flugzeug kennen gelernt, sie macht auch zwei Monate Praktikum in Ruanda, und aus ihrem Gästehaus bringt sie Carla mit, eine Ärztin, die zwei Jahre hier bleiben wird. Wir treffen uns im Schwimmbad vom Cercle Sportif, einer schicken Sportanlage für besser Betuchte. Dahin fahre ich mit dem Mototaxi quer durch die Stadt.

Auch das System der Mototaxis wirkt sehr organisiert. An vielen Straßenecken stehen junge Männer mit kleinen Motorrädern, sie tragen alle grüne Westen und grüne Helme mit gelben Nummern darauf. Für die Fahrgäste haben sie einen zweiten Helm - in Größe XXL, damit auch jeder Kopf darunter passt, bei der Fahrt muss ich ihn festhalten, damit er mir nicht vom Kopf weht. Mototaxi fahren gefällt mir gut, die warme Luft, der Fahrtwind, so ein Gefühl von Freiheit. Das Auswärtige Amt warnt auf seinen Internetseiten ja vor dem gefährlichen ruandischen Fahrstil, aber meines Erachtens wird in Kigali eher vorsichtig und langsam gefahren – kein Vergleich mit Palermo oder Lima beispielsweise.

Ich finde es prima, eine ruandische Gastfamilie zu haben, aber es tut auch gut, zwischendurch mit EuropäerInnen zusammen zu sein. Wir schwimmen und essen und diskutieren unsere Eindrücke und Pläne. Das ist sehr nett.

Abends gehe mit den Jungs aus der Familie in den englischsprachigen Gottesdienst, der im Prinzip genauso abläuft wie der auf Kinyarwanda. Da ich gerne tanze und singe, habe ich meinen Spaß bei der Veranstaltung.

Ich habe weiter darüber nachgedacht. wie es möglich ist, dass sich Überlebende des Genozids trotzdem so stark mit Ruanda identifizieren. Die ruandische Geschichte unterscheidet sich an wesentlichen Punkten von der deutschen. Die Holocaust-Überlebenden wurden nicht von jüdischen Partisanen befreit und haben auch nie die Macht übernommen. In Ruanda hingegen hat die mehrheitlich von Tutsi getragene bewaffnete Bewegung Front Partiotique Rwandaise (RPF) den Genozid beendet und stellt bis heute die Regierung. Die ethnischen Klassifizierungen wurden verboten. Meine Gastfamilie bezieht sich sehr positiv auf Präsident Kagame und die Regierungspolitik. Meines Wissens gibt es auch nicht die Kontinuitäten wie in Deutschland, wo so viele Nazis auf ihren Posten blieben und nicht zur Rechenschaft gezogen wurden. In Ruanda wurden über hunderttausend Génocidaires verurteilt und sind teilweise bis heute inhaftiert.

Bislang hatte ich eher Kritisches über die „Gacaca“ gelesen, die traditionellen Volksgerichte, die wieder ins Leben gerufen wurden, um Verhandlungen gegen Täter des Genozids zu führen. Diese Gerichte seien traditionell dafür zuständig gewesen, Streitigkeiten zwischen Nachbarn zu schlichten oder über kleine Viehdiebstähle zu verhandeln, aber seien damit völlig überfordert, über Massenmorde zu urteilen. Asterie und ihre Söhne hingegen beurteilen die Gacacas positiv. Sie meinen, sie seien „eine gute Einrichtung, weil sie eine Möglichkeit der Partizipation für die Betroffenen bieten.“

Es wird sehr intensive Erinnerungsarbeit betrieben. Zu viel, meinen manche der Deutschen hier, man würde damit regelrecht überschüttet, und das würde Hass und Rachewünsche nur aufrecht erhalten. Das glaube ich nicht. Ich habe eher den Eindruck, dass der Genozid für die Überlebenden ohnehin stets präsent ist und dass die offiziellen Aktivitäten einen Rahmen für die Erinnerung und die Trauer bieten, dass sie dadurch gewürdigt werden. Mir ist die Forderung, die Erinnerung endlich ruhen zu lassen, suspekt – und ich glaube, sie kommt selten von den direkt Betroffenen. Bei Asterie und ihren Söhnen kommt das Gespräch jeden Tag auf den Genozid. Ich weiß nicht, ob es an meiner Anwesenheit liegt, ich schneide das Thema selbst nicht an.

Beim Frühstück erzählt Astérie, dass ihr Mann wurde am ersten Tag des Genozids durch eine Handgranate ermordet wurde. Sie selbst wurde verletzt, auf ihrem Rücken kann ich die Narben sehen. „Meine drei Söhne haben mit mir überlebt, aber meine einzige Tochter wurde am gleichen Tag getötet,“ erzählt Asterie. „Sie war sechs Jahre alt. Nach dem Angriff auf unser Haus ist sie weggelaufen, zu einem Nachbarhaus. Dort ist sie mit Machetenhieben getötet worden. Die Familie, die meine Tochter ermordet hat, wohnt immer noch nebenan. Ich sehe sie manchmal. Die Söhne sind noch im Gefängnis, aber die anderen Angehörigen sind hier. Wir sagen ‚Guten Tag’, wenn wir uns auf der Straße begegnen. Ich weiß nicht, wie die Nachbarn mit dieser Schuld leben. Ich weiß nicht, wie ich das überlebt habe, ohne verrückt zu werden.“ Ich frage sie, was ihr dabei geholfen hat. „AVEGA, der Zusammenschluss der Witwen und Waisen ist sehr wichtig für mich. Wir haben uns jeden Tag getroffen und geredet und geweint und uns getröstet und am nächsten Tag wieder.“