Nyamata

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Es ist Samstag, wir machen einen Ausflug. Ich will die Gedenkstätte in Nyamata sehen, Patrizia kommt mit, Astéries kleiner Bruder Bosco begleitet uns. Am Busbahnhof nehmen wir einen Minibus und fahren aus der Stadt. Wir fahren durch grüne Hügel, vorbei an einfachen Hütten mit Blumengärten, Maisfeldern und Bananenstauden. Wir überqueren einen kleinen Fluss mit schlammigem Wasser. Ich frage Bosco, wie der Fluss heißt. „Das ist der Nyabarongo,“ sagt er, „hast du davon schon gehört?“ Ja, ich habe vom Nyabarongo gelesen. Das ist der Fluss, dessen Wasser rot vom Blut war und in dem zehntausende von Leichen nach Uganda trieben. Ich hatte mir den Fluss viel breiter vorstellt.

Nach einer halten Stunde sind wir in Nyamata. Sobald wir aus dem Minibus aussteigen sind wir umringt von Jungen mit Fahrradtaxis, die eine Fahrt auf dem gepolsterten Gepäckträger anbieten. Wir nehmen Taxi Motos, die uns über einen breiten Feldweg in zehn Minuten bis zur Gedenkstätte fahren.

Auch hier sind Soldaten vor dem Eingang, aber wir können eintreten ohne durchsucht zu werden. In der kleinen Kirche von Ntarama hatten fünftausend Menschen vor den Massakern Schutz gesucht. Bei vergangenen Pogromen gegen Tutsi waren die Kirchen Zufluchtsorte gewesen, die respektiert wurden. Nicht so beim Genozid 1994. Drei Tage lang hatten die Menschen in der Kirche ausgeharrt und gebetet, dort gekocht und geschlafen, dann wurden sie angegriffen. Mit Handgranaten wurden Löcher in die Wände gesprengt, dann drangen die Interahamwe ein und erschlugen die Menschen, vor allem Frauen und Kinder, mit Macheten und Knüppeln.

Die Kirche und die Nebengebäude sind unverändert – mit Löchern in den Wänden und im Dach. Darüber wurden große Dächer zum Schutz vor dem Regen errichtet. In Nyamata gibt es keine Schautafeln mit Erklärungen und keine Bilder der ermordeten Menschen. Sie sind noch hier – auf großen Regalen sind Totenschädel aufgereiht, Knochen, Beckenknochen. Unzählige Schädel – manche gespalten oder zerbrochen, manche ganz klein.

Die sterblichen Überreste tausender Menschen, sortiert nach Knochenform und –größe. Als einstmals lebende Menschen sind diese Toten am ehesten noch anhand der Gegenstände vorstellbar, die sie hinterlassen haben. Überall hängen Kleider über den Balken, verblichen und schmutzig, aber es sind noch verschiedene Farben und Muster zu erkennen. Am anderen Ende des Raumes sind Regale mit Alltagsgegenständen aufgebaut, die bei den Ermordeten in der Kirche gefunden wurden – Thermoskannen, Tassen, Stifte, Brillen - der Berg Schuhe erinnert mich an Auschwitz. Insgesamt strahlt die Kirche vor allem Abwesenheit aus.

Neben der Kirche befindet sich das Büro des Pastors, durch ein großes Loch in der Wand kann man den Raum betreten. Auf dem Schreibtisch liegen einige Bücher und Hefte – beschädigt, aber noch lesbar. Schulhefte, Rechenaufgaben, Text, dann leere Seiten… Auf dem Boden liegen Haufen von Knochen. Ich frage die Museumswärterin, warum diese Knochen nicht bei den anderen liegen. „Diese sind erst vor kurzem gefunden worden. Wir müssen sie noch säubern, dann werden sie zu den anderen gelegt.“

„Wie findest du das hier?“ fragt mich Bosco. „Es ist schwer, dafür Worte zu finden,“ antworte ich nach einigem Überlegen. „Und es behält immer etwas irreales. Auch wenn ich weiß, was hier passiert ist, auch wenn hier überall die Beweise liegen, bleibt es doch unvorstellbar für jemanden, der das nicht erlebt hat.“ Bosco nickt: „Für uns auch. Auch wenn man dabei war, kann man es sich nicht erklären.“

Eigentlich wäre ich gerne noch eine Weile in Ruhe dort – wie kann ein angemessenes Gedenken aussehen? – aber unsere Taxi Moto Fahrer drängen auf Abfahrt und ich habe das Gefühl, Bosco reicht es auch. „Für jemanden, der nicht dabei war, ist das eine harte Geschichte,“ meint er. Ich sage: „Ich glaube, für euch auch.“ „Ja, aber wir sind daran gewöhnt. Ich kann nicht weinen. Nie.“

Im Ort treffen wir einen Schulfreund von Bosco, Patrique. Er war damals in der Kirche, er konnte fliehen und überlebte. Ich will nicht weiter nachfragen, es erscheint mir nicht der richtige Moment – auf der Straße, umringt von Neugierigen. Bosco und Patrique freuen sich, einander zu sehen. „Das ist mein Vater,“ sagt Bosco. „In der Schule gab es einen Zusammenschluss von Genozidüberlebenden. Viele waren Waisen, manche hatten überhaupt keine Angehörigen mehr. Deshalb haben wir uns in ‚Familien’ zusammengefunden. Ein Schüler war der Vater, eine Schülerin die Mutter, und sie hatten bis zu 20 Kinder. So war keiner mehr alleine.“ Ich bin erstaunt und kann mir kaum vorstellen, wie diese jugendlichen Waisen die Elternrolle gegenüber Gleichaltrigen einnehmen konnten. „Das hat gut geklappt,“ berichtet Bosco. „Die ‚Eltern’ hatten eine Vorbildfunktion, sie wurden zu Lehrergesprächen gerufen.“ „Ich hatte elf Kinder,“ erzählt Patrique und lächelt.

Wie organisiert man eine Gesellschaft nach einem Genozid – sortierte Knochen, Familien aus Waisenkindern. Wieder vieles zum Nachdenken.