Praktikum II

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Mein dritter Praktikumstag bei AVEGA. Inzwischen verstehe ich die afrikanischen Arbeitszeiten besser – ich glaube, es sind eher Richtwerte. Ich war ganz beeindruckt, als mir mitgeteilt wurde, Arbeitsbeginn sei um 7.30 Uhr. „Was, wirklich? Das ist ja schrecklich früh!“ habe ich gesagt. „Bei uns im Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge sind die Arbeitszeiten flexibel. Wir schreiben auf, wann wir kommen und gehen.“ „Hier sind die Arbeitszeiten festgelegt. Wir fangen alle um 7.30 Uhr an,“ war die Antwort. In der Praxis sieht es so aus, dass 7.30 Uhr längst überschritten ist, wenn ich mit Asteríe morgens aus dem Haus gehe – und wir sind nicht die letzten, wenn wir gegen acht bei AVEGA ankommen.

Diese Woche bin ich Caritas zugewiesen, einer Psychotherapeutin. Morgens macht sie eine „Sensibilisierungsgruppe“ für HIV-infizierte Frauen, die auf ihre monatliche Untersuchung und Medikamentengabe warten. „Ich arbeite mit der partizipativen Methode.“ sagt Caritas. 15 Frauen und ein Mann sitzen auf Holzbänken im Innenhof des AVEGA-Gebäudes, von dem Türen zu den verschiedenen Behandlungs- und Beratungsräumen abgehen. Caritas hält einen langen Vortrag. Es geht darum, den Frauen zu vermitteln, dass es wichtig ist, ihre Gefühle auszudrücken. Einige Frauen stellen Fragen oder geben kurze Kommentare. Danach stellen sie sich an zum Wiegen und erhalten Medikamente.

Im Anschluss folge ich Caritas in ein kleines Beratungszimmer, hier werden die Einzelgespräche geführt. Einige Frauen kommen zu regelmäßigen Gesprächsterminen, die vorher ausgemacht werden. Bei akuten Krisen werden auch Gespräche ohne Termine angeboten.

Die therapeutische Arbeitsweise sieht ähnlich aus wie in Deutschland – das Ausmaß der Probleme ist allerdings ein anderes. „Das ist unser wichtigstes Arbeitsmaterial.“ sagt Caritas, und zeigt auf eine große Box mit Taschentüchern. Heute kommt Urujeni zum Gespräch. Die kleine, rundliche Frau versteckt sich unter einem großen Tuch, zieht es sich über den Kopf, weint. „Urujeni war früher reich,“ erzählt Caritas später. „Ihr Mann hat beim Gericht gearbeitet. Er wurde beim Genozid ermordet, Urujeni wurde vergewaltigt und mit HIV infiziert. Sie wurde verletzt und hat bis heute Schmerzen in den Armen und kann nicht arbeiten. Ihr Haus wurde zerstört. Vor zwei Wochen wollte sie sich das Leben nehmen, ihr jüngster Sohn hat sie entdeckt.“

Ich stelle es mir viel schwieriger vor als bei uns, Stabilisierungsarbeit zu machen. Die Frauen leiden nicht nur unter den Erlebnissen der Vergangenheit, die Konsequenzen reichen bis in die Gegenwart. Die Lebensgrundlagen wurden zerstört – die Häuser niedergebrannt, die Männer ermordet, die Arbeitsfähigkeit der Frauen durch Verletzungen, Traumatisierungen und HIV-Infektionen beeinträchtigt. Die staatliche Unterstützung zum Lebensunterhalt ist minimal, sie haben nicht genug Geld, ihre Miete zu zahlen, Kleidung zu kaufen, die Kinder zur Schule zu schicken.

Meine Rolle beschränkt sich momentan noch darauf, bei den Gesprächen dabei zu sitzen, zu beobachten, im Anschluss Fragen zu stellen. Morgen wird mir Jeanne einen Projektvorschlag zum Übersetzen geben. Ich hoffe, dass ich mit der Zeit Aufgaben übernehmen kann, die auch für die Mitarbeiterinnen von AVEGA sinnvoll sind.

Momentan habe ich noch viel Zeit, die ich mit meiner Familie, den beiden anderen Deutschen oder mit schreiben verbringe. Langweilig ist mir nicht, es sind so viele Eindrücke zu verarbeiten und es ist angenehm, dabei nicht unter Zeitdruck zu stehen. Ich fange an, mich in Kigali zu orientieren. In der Stadt ist viel Militär unterwegs, am Flughafen stehen UN-Soldaten. Vielleicht hängt es mit den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen zusammen – genaueres weiß niemand. Die Nachrichten sind diesbezüglich wenig informativ und erinnern mich ein wenig an kubanisches Staatsfernsehen: Berichte über internationale Delegationen, freiwillige Arbeitseinsätze und historische Ereignisse (hier nicht die Revolution, sondern der Genozid).