Umuganda

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Am letzten Samstagvormittag im Monat sind alle Berufstätigen in Ruanda verpflichtet, gemeinnützige Arbeiten im Stadtteil zu verrichten, meist Aufräumarbeiten, es können aber auch Bäume gepflanzt oder Schulen gebaut werden. Da will ich natürlich auch mitmachen. Beginn ist (wie immer) 7.30 Uhr. Gegen halb neun machen wir uns auf den Weg zum Treffpunkt des Umudugudu. (Das ist die kleinste Organisationsform und umfasst ca. 200 Häuser. Die nächste Ebene sind die Cellules, sie umfassen zwischen acht und zwölf Umudugudus. Dann kommt der Secteur, der aus drei bis fünf Cellules besteht, dann der District und dann die Provinz.)

Ein Dutzend Leute steht am Treffpunkt herum und wartet. Wir schütteln allen die Hände. Astérie nimmt mich zur Seite und sagt: „Hast du die alte Frau da hinten gesehen, die ich gerade begrüßt habe? Das ist die Mutter von dem Jungen, der meine Tochter umgebracht hat.“ „Oh,“ sage ich: „Und wie ist das für dich, hier zusammen mit ihr zu sein?“ „Das ist kein Problem.“, meint Astérie: „Gott hat mir inneren Frieden geschenkt.“ „Hat sie sich bei dir entschuldigt?“, frage ich. „Nein!“, antwortet Astérie: „Sie sagt: ‚Mein Junge hat gar nichts getan. Dabei wissen alle, dass er viele, viele Leute bei uns umgebracht hat.“ „Schämt sich die Frau nicht?“, will ich wissen. „Nein!“, Astérie lacht zynisch auf: „Sie schämt sich genauso wenig wie die ganzen anderen Leute.“

Der Verantwortliche gibt bekannt, dass die gemeinnützige Arbeit auf Secteur-Ebene durchgeführt wird. Wir werden eine große Wiese mähen, die an der Straße im Tal liegt. Von überallher ziehen Gruppen den Hügel hinunter und tragen Sensen und Hacken. Auf der Wiese sind bereits einige hundert Leute beschäftigt. Ein Auto mit Lautsprecheranlage gibt Anweisungen, in welche Richtung sich die Masse bewegen soll. Ich habe große Lust, mich endlich mal wieder körperlich zu verausgaben, aber mit so vielen hundert Mitarbeitenden ist die Arbeit schnell getan. Die meisten stehen dabei und plaudern. „Ich kenne viele, viele Leute im Stadtteil,“ sagt Astérie: „das liegt vor allem am Umuganda. Es ist gut, zusammen zu kommen und etwas gemeinsam zu tun.“

Außerdem seien die Umuganda-Arbeiten eine Chance für die Regierung, die Bevölkerung zu versammeln um wichtige Themen diskutieren zu können. Nach einer Weile werden alle im Schatten unter einer Gruppe von Bäumen zusammen gerufen. Es wird gemeinsam gesungen, dann folgen Reden, unter anderem von einer Bürgermeisterin und einem Abgeordneten. Zwei freundliche junge Männer übersetzen mir alles ins Französische.

Der heutige Tag des Helden ist ein wichtiger Bezugspunkt. Der erste Redner bittet die Anwesenden in sich zu gehen und zu reflektieren, inwiefern sie sich als Helden fühlen. Die meisten melden sich, sie hielten sich nicht für Helden. Es wird an die Freiheitskämpfer erinnert, die gestorben sind, als sie in Ruanda einmarschiert sind, um den Genozid zu beenden. Auch der Schülerinnen, die sich bei einem Überfall der Interahamwe geweigert haben, sich nach Hutu und Tutsi zu separieren und die alle getötet wurden, wird gedacht.

Über aktuelle politische Prozesse wird auch gesprochen. So wurde nun entschieden, dass die Kinder inhaftierter Frauen nicht länger im Gefängnis aufwachsen sollen. Bislang blieben Kinder, die im Gefängnis geboren wurden, unbegrenzt bei ihren Mütten und gingen nicht zur Schule. Interessant finde ich die Landreform, die erwähnt wird. Ländereien über einer bestimmten Größe sollen aufgeteilt werden und das Land an Landlose verteilt werden. In Lateinamerika waren Landreformen ja oft der Startschuss für einen Staatsstreich, aber hier versichern mir alle, dass alle diese Idee des Teilens richtig und gerecht fänden.

Nach anderthalb Stunden ist die Veranstaltung beendet. Ich laufe nach hause zurück. Asterie muss noch irgendetwas diskutieren und ich habe Durst und will nicht mehr warten. Als ich allein mit meiner Hacke durch den Stadtteil laufe, rufe ich großes Aufsehen hervor. Ich finde, es ist eine gute Übung in 'innerer Stärke', als Muzungu abseits der Innenstadt herumzulaufen. Leute applaudieren und gratulieren mir zu meiner Partizipation an der öffentlichen Arbeit. Ich finde das eher etwas unangenehm und kann nicht ausmachen, ob sie sich über mich lustig machen oder ob sie es wirklich so toll finden. Also entscheide ich mich dazu, einfach immer strahlend zurück zu lächeln und mich zu bedanken.

Kalisa meint, die Leute würden es sehr wohl ernst meinen und zu schätzen wissen, dass ich mich so einbringe. Das würden die Weißen hier normalerweise nicht machen. Ich würde mich überhaupt nicht wie ein typischer Muzungu benehmen.